LIVARTO-Gründer Cepand Yegani im Interview: Digitales vs. analoges Zeichnen lernen – Vor- und Nachteile für Einsteiger
Wer heute durch die sozialen Medien scrollt, wird regelrecht überflutet von perfekt polierten, digitalen Kunstwerken. Ein Wisch auf dem iPad, eine automatische Glättung der Linie, und schon wirkt das Ergebnis professionell. Für viele, die den langgehegten Traum haben, sich kreativ auszudrücken, entsteht hier eine enorme Hürde. Die Frage drängt sich auf: Muss ich erst hunderte Euro in Technik investieren, um gut zu werden? Oder ist der klassische Bleistift doch der ehrlichere Lehrmeister? Oft versteckt sich hinter dieser Technik-Debatte aber eine viel tiefere Unsicherheit , der Glaube, schlichtweg kein Talent zu besitzen.
Genau hier setzt Cepand Yegani an. Als Gründer der Online-Zeichenakademie LIVARTO (Live Art Now) hat er es sich zur Aufgabe gemacht, den Mythos vom angeborenen Talent zu entzaubern. Sein Ansatz ist radikal anders als bei herkömmlichen Videokursen. Es geht nicht um das stupide Abpausen oder Kopieren von Vorlagen, sondern um das freie Zeichnen aus dem Kopf heraus. Gemeinsam mit seinem Team und einer engen Gemeinschaft, den „LIVOs“, beweist er, dass künstlerische Freiheit eine Frage des Systems und nicht der Hardware ist. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, welchen Weg Einsteiger wählen sollten und warum die meisten an der falschen Stelle anfangen zu lernen.
mueritzportal.de: Cepand, das Angebot an digitalen Zeichentools ist riesig und verlockend. Viele Einsteiger glauben, mit einem Tablet könnten sie fehlende Übung kompensieren, weil man Fehler einfach per „Undo“-Taste löschen kann. Ist das ein Trugschluss oder eine legitime Abkürzung?
Cepand Yegani: Das ist ein ganz klassischer Gedanke, aber leider führt er oft in die Irre. Natürlich verzeiht das Tablet Fehler schneller, aber es nimmt dir nicht das eigentliche Handwerk ab. Das Kernproblem ist nicht das Werkzeug in der Hand, sondern das Verständnis im Kopf. Unsere Philosophie bei LIVARTO ist das „wahrhaftige Sehen lernen“. Wer verstanden hat, wie Formen, Licht und Schatten funktionieren, kann das sowohl mit einem Stück Kohle auf Papier als auch mit dem teuersten Stylus umsetzen.
Wenn du aber anfängst und dich sofort mit Software-Menüs, Ebenen und Pinselspitzen beschäftigst, lenkst du dich vom Wesentlichen ab. Wir sehen oft, dass Menschen, die glauben, kein Talent zu haben, eigentlich nur an der falschen Didaktik scheitern. Sie versuchen zu rennen, bevor sie laufen können. Die Abkürzung liegt also nicht in der Technik, sondern in einem didaktisch korrekten roten Faden, der das Gehirn befähigt, Verknüpfungen aufzubauen.
mueritzportal.de: Du sprichst das „Talent“ an. Viele trauen sich gar nicht erst an den analogen Skizzenblock, weil das weiße Papier so unbarmherzig wirkt. Ist digitales Zeichnen da nicht vielleicht der angstfreiere Einstieg?
Cepand Yegani: Die Angst vor dem weißen Blatt ist real, aber sie verschwindet nicht durch ein Display. Sie verschwindet durch Kompetenz und ein unterstützendes Umfeld. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen oft einsam vor ihren Versuchen sitzen und frustriert aufgeben, wenn es nicht sofort klappt.
Deshalb setzen wir bei LIVARTO so stark auf die Gemeinschaft. Psychologisch gesehen ist es am einfachsten, an einer Sache dranzubleiben, wenn man von Gleichgesinnten umgeben ist. Wenn alle um dich herum zeichnen, zeichnest du auch mehr. In unserer „LIVO-Family“ herrscht eine Atmosphäre, die sich wirklich familiär anfühlt. Da geht es um Werte wie Freiheit, Freude und auch den Glauben an das eigene Potenzial. Ob du deine Übung dann digital oder analog einreichst, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass du dich sicher fühlst, Fehler zu machen, und durch unsere Feedback-Loops genau weißt, wie du den nächsten Strich besser setzt.
mueritzportal.de: Ein großes Alleinstellungsmerkmal eurer Akademie ist das Zeichnen aus dem Kopf, statt nur Vorlagen abzuzeichnen. Spielt es für diese spezielle Fähigkeit eine Rolle, ob man analog oder digital lernt?
Cepand Yegani: Absolut, das ist unser Markenzeichen. Fast alle anderen lehren das Kopieren, wir wollen die Menschen „frei“ machen, damit sie sich visuell ausdrücken können. Für das Zeichnen aus der Vorstellung heraus ist das Verständnis von 3D-Formen essenziell.
Ich empfehle oft, die Grundlagen ganz klassisch analog zu begreifen, weil die Haptik des Stifts auf Papier eine sehr direkte Verbindung zwischen Hand und Gehirn schafft. Es ist „echter“. Aber unser System funktioniert medienübergreifend. Das Entscheidende ist das Feedback. In einem normalen Videokurs schaust du zu und hoffst, dass du es richtig machst. Bei uns schauen Experten , unter anderem ich selbst oder mein Mitgründer Vincent Arentz , auf deine Werke. Wir korrigieren nicht das Medium, sondern die Struktur. Wer dieses System für sich nutzen will, findet alle Informationen dazu unter livarto.io, wo wir genau erklären, wie dieser Prozess des freien Zeichnens aufgebaut ist.
mueritzportal.de: Ihr versprecht, dass eure Teilnehmer das Fortgeschrittenen-Niveau in durchschnittlich 1,5 Jahren erreichen, wofür andere oft sieben Jahre brauchen. Liegt diese Beschleunigung auch an modernen Lernmethoden oder rein an der Betreuung?
Cepand Yegani: Es ist die Kombination, wir nennen das unsere „geheime Formel“, die eigentlich gar nicht so geheim, sondern nur konsequent ist. Stell dir eine Pflanze vor: Wenn sie Sonne, Wasser und Dünger gleichzeitig bekommt, wächst sie rasant zu der Blume heran, die sie im Kern schon immer war. Fehlt eines davon, verkümmert sie.
Die meisten Lernenden haben entweder nur Videos (Sonne), aber kein Feedback (Wasser) oder keine Community (Dünger). Wir bieten alles in einem ganzheitlichen System. Das regelmäßige Feedback von Experten ist dabei der Katalysator. Das ist normalerweise extrem kostspielig und nur in 1-zu-1 Mentorships zu haben. Wir haben einen Weg gefunden, diesen unbegrenzten Zugang für unsere LIVOs möglich zu machen. Dadurch eliminieren wir die Phasen des Stillstands, in denen man sonst monatelang dieselben Fehler wiederholt.
mueritzportal.de: Viele Menschen suchen im Zeichnen ja auch einen Ausgleich zum stressigen, digitalen Arbeitsalltag. Würdest du sagen, das spricht am Ende doch wieder eher für das analoge Zeichnen?
Cepand Yegani: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Viele unserer Teilnehmer kommen zu uns, weil sie Heilung und Ruhe suchen oder in schweren Zeiten ihre kreative Ader entdeckt haben. Zeichnen ist für uns Lebensbereicherung und Achtsamkeit.
Wenn man den ganzen Tag am Bildschirm gearbeitet hat, kann das Kratzen des Stifts auf dem Papier unglaublich erdend wirken. Es holt dich ins „Hier und Jetzt“. Wir wollen Kunst und Kreativität als Standard für den eigenen visuellen Ausdruck in die Kultur bringen – für eine ausgeglichenere Gesellschaft. Das Ziel ist nicht das perfekte Bild für Instagram, sondern der Prozess, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Ob man das am Ende auf dem iPad oder im Skizzenbuch festhält, ist eine Geschmacksfrage. Aber das Gefühl, etwas aus dem Nichts erschaffen zu können, das beginnt im Kopf und im Herzen, nicht im Gerät.
mueritzportal.de: Cepand, vielen Dank für das Gespräch und die spannenden Einblicke!