Im Interview: „Ohne Gerüst sicher in der Höhe" – Wie Gebäudekletterer schwierige Fassaden meistern
Ob verschmutzte Glasfassade, defekte Dachrinne oder Kontrolle am Kirchturm: Immer öfter kommen dort keine Handwerker mit Gerüst oder Hubsteiger zum Einsatz, sondern Industriekletterer am Seil. Wie diese Arbeit abläuft, welche Sicherheitsstandards gelten und warum die Nachfrage steigt, erklärt ein Team, das seit Jahren in luftiger Höhe unterwegs ist. Wir haben mit Praktikern von CleanClimb Höhenarbeiten gesprochen.
Müritzportal: Für viele klingt „Industrieklettern“ nach Extremsport. Was steckt tatsächlich dahinter?
Nico Spieck: Im Kern ist es ein handwerklicher Beruf mit einem besonderen Zugangsweg. Wir seilen uns vom Dach ab oder steigen von unten hoch, um an Stellen zu arbeiten, die mit Gerüst oder Hebebühne nur schwer, teuer oder gar nicht erreichbar wären. Das Klettern ist dabei nur das Transportmittel die eigentliche Leistung ist Reinigung, Wartung, Reparatur oder Inspektion. Als Gebäudekletterer-Experten in Berlin sind wir vor allem für Unternehmen, Hausverwaltungen sowie Eigentümer und Betreiber von Gebäuden im Einsatz, die schnelle, wirtschaftliche Lösungen suchen.
Müritzportal: Wann lohnt sich Seilzugangstechnik gegenüber einem Gerüst?
Nico Spieck: Immer dann, wenn ein Gerüst überdimensioniert wäre. Ein Beispiel: An einer hohen Fassade muss ein einzelnes Fenster neu abgedichtet oder eine lose Metallverkleidung fixiert werden. Ein Gerüst für einen halben Tag Arbeit wäre unverhältnismäßig teuer. Am Seil sind wir häufig kurzfristig vor Ort, arbeiten wenige Stunden, und der Betrieb im Gebäude läuft in der Regel ungestört weiter.
Müritzportal: Welche Arbeiten kommen am häufigsten vor?
Nico Spieck: Die Bandbreite ist größer, als viele denken. Typisch sind Fassaden- und Glasreinigung, Dachrinnenreinigung, kleinere Dachreparaturen, Taubenabwehr, Fugenarbeiten, Anstriche und optische Inspektionen. Auch Montagen etwa von Werbeanlagen, Kameras oder Blitzschutzkomponenten gehören dazu. Wir haben es sowohl mit Altbausubstanz als auch mit modernen Gewerbeimmobilien zu tun; beide Welten erfordern unterschiedliche Techniken.
Müritzportal: Wie stellen Sie sicher, dass die Arbeit sicher abläuft?
Nico Spieck: Sicherheit ist in unserer Branche kein Zusatz, sondern die Grundlage. Wir arbeiten grundsätzlich mit zwei unabhängigen Seilsystemen einem Arbeitsseil und einem Sicherungsseil. Jede Person hat eine dokumentierte Ausbildung, die Ausrüstung wird regelmäßig geprüft, und für jedes Projekt gibt es eine Gefährdungsbeurteilung mit Rettungsplan. In Deutschland orientieren sich Anbieter am Regelwerk des FISAT (Fach- und Interessenverband für seilunterstützte Arbeitstechniken e.V.), international ist der IRATA-Standard verbreitet.
Müritzportal: Kann das nicht jeder Handwerker mit Kletterausrüstung machen?
Nico Spieck: Nein, und das ist ein wichtiger Punkt für Auftraggeber. Höhenarbeiten mit Seilzugangstechnik unterliegen in Deutschland klaren Vorgaben, insbesondere aus dem Arbeitsschutzrecht und den Regeln der gesetzlichen Unfallversicherung. Wer ohne entsprechende Qualifikation, geprüfte Ausrüstung und dokumentierte Prozesse in der Höhe arbeitet, riskiert nicht nur Unfälle, sondern auch versicherungs- und haftungsrechtliche Probleme. Wir empfehlen Auftraggebern, sich entsprechende Nachweise zeigen zu lassen seriöse Betriebe legen die gerne vor.
Müritzportal: Was sollten Unternehmen, Hausverwaltungen oder Eigentümer vor der Auftragsvergabe beachten?
Nico Spieck: Drei Punkte helfen erfahrungsgemäß am meisten. Erstens: eine klare Beschreibung des Problems mit Fotos das spart Vor-Ort-Termine. Zweitens: Nachfragen zu Qualifikation, Versicherung und Referenzen. Drittens: ein realistischer Zeitrahmen. Bei akuten Themen wie losen Bauteilen oder Wassereintritt zählt Reaktionszeit; bei planbaren Wartungen lohnt es sich, saisonal zu koordinieren etwa Dachrinnenreinigung im Herbst.
Müritzportal: Stichwort Wetter: Wie stark schränkt das Ihre Arbeit ein?
Nico Spieck: Wind ist ein wesentlicher Faktor, oft stärker als Regen. Bei starken Böen wird abgebrochen, das ist nicht verhandelbar. Kälte oder Nässe sind meist beherrschbar, solange die Aufgabe es zulässt Silikonarbeiten etwa brauchen bestimmte Temperaturen. Wir arbeiten deshalb mit realistischen Zeitfenstern und kommunizieren offen, wenn ein Termin verschoben werden muss.
Müritzportal: Wie hat sich die Nachfrage entwickelt?
Nico Spieck: Nach unserer Erfahrung ist sie spürbar gestiegen. Zum einen, weil Gerüstkosten und Genehmigungsaufwand aus unserer Wahrnehmung zugenommen haben. Zum anderen, weil Gebäude komplexer werden: mehr Glas, mehr Technik am Dach, mehr Photovoltaik. Auch die Anforderungen an Dokumentation nehmen zu wir liefern zu jedem Einsatz Fotos und einen kurzen Zustandsbericht.
Müritzportal:
Lassen Sie uns das noch einmal zusammenfassen. Auf einen Blick Seilzugang vs. Gerüst:
-
Aufbauzeit: Seilzugang meist innerhalb weniger Stunden, Gerüst je nach Umfang mehrere Tage.
-
Kosten: Bei kleinen bis mittleren Arbeiten häufig günstiger am Seil.
-
Flexibilität: Punktueller Zugriff auch an schwer erreichbaren Stellen.
-
Einschränkung: Bei sehr großflächigen, langlaufenden Bauarbeiten bleibt das Gerüst oft sinnvoller.
-
Sicherheit: Beide Systeme sind bei fachgerechter Ausführung anerkannt und geregelt.
Müritzportal: Zum Abschluss: Was macht für Sie einen guten Einsatz aus?
Nico Spieck: Wenn der Kunde am Abend das Ergebnis sieht, die Arbeit sauber dokumentiert ist und niemand gemerkt hat, dass wir da waren außer, dass das Problem gelöst ist. Höhenarbeit ist dann am besten, wenn sie unspektakulär wirkt.
Müritzportal: Vielen Dank für das Gespräch.