Interview mit Nicolas Sander von Freiraum Psychotherapie: Eine Entscheidungshilfe zwischen Kurzzeittherapie & Langzeittherapie
Viele Menschen, die sich zum ersten Mal mit dem Thema Psychotherapie beschäftigen, stehen vor einem Berg aus Fragen. Neben der Suche nach einem freien Platz tauchen schnell Begriffe wie „Kurzzeittherapie“, „Akutbehandlung“ oder „Langzeittherapie“ auf. Doch was verbirgt sich dahinter? Ist eine längere Therapie automatisch besser? Und welches Format passt zu welcher Lebenskrise?
Für Müritzportal haben wir mit einem Experten gesprochen, der Licht in den Begriffsdschungel bringt. Nicolas Sander ist Psychologischer Psychotherapeut und Inhaber von Freiraum Psychotherapie. Sein Ansatz basiert auf Transparenz, einer klaren Struktur und einer Begegnung auf Augenhöhe er sieht den Patienten als Experten für das eigene Leben an.
Über den Experten
Nicolas Sander von Freiraum Psychotherapie ist approbierter Psychologischer Psychotherapeut mit Schwerpunkt Kognitive Verhaltenstherapie. Er studierte Psychologie in den Niederlanden (Enschede/Nijmegen) und sammelte klinische Erfahrung unter anderem in der Fliedner Klinik Berlin sowie regional in Frankfurt (Oder) und der Tagesklinik Seelow.
In der Praxis Freiraum Psychotherapie (Berlin & Online) ist ihm eine transparente und wertschätzende Zusammenarbeit auf Augenhöhe wichtig. Weil nicht jedes Gefühl sofort steuerbar ist, richtet sich der Blick oft auf das, was im Alltag konkret veränderbar ist – Gedanken, Verhalten und hilfreiche Strategien. Ergänzend zu Terminen in Berlin bietet er Online-Sprechstunden an, die auch Menschen aus unserer Region nutzen können.
Das Interview
Müritzportal: Herr Sander, schön, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Wenn Patienten zum ersten Mal Kontakt zu einer Praxis aufnehmen, herrscht oft Verwirrung über die bürokratischen Begriffe. Lassen Sie uns die Basics klären: Wo liegt rein formal der Unterschied zwischen einer Kurzzeit- und einer Langzeittherapie?
Nicolas Sander: Rein formal geht es vor allem um das Stundenkontingent, das bei der Krankenkasse beantragt und genehmigt wird. In der Verhaltenstherapie ist die Kurzzeittherapie typischerweise in zwei Schritte unterteilt: Kurzzeittherapie 1 mit bis zu 12 Sitzungen und wenn nötig Kurzzeittherapie 2 mit weiteren bis zu 12 Sitzungen. Zusammen sind das also bis zu 24 Sitzungen, die relativ „schlank“ beantragt werden können.
Die Langzeittherapie umfasst dann deutlich mehr Stunden – je nach Setting und Verfahren sind das in der Verhaltenstherapie häufig bis zu 60 Sitzungen (und bei Bedarf auch darüber hinaus, sofern gut begründet). Das ist dann ein umfangreicherer Antrag, der in der Regel eine ausführlichere Begründung und zusätzliche Unterlagen beinhaltet.
Wichtig ist auch die Abgrenzung zur Akutbehandlung: Die Akutbehandlung ist dafür gedacht, in einer akuten Krise schnell zu stabilisieren zum Beispiel wenn gerade „alles zusammenbricht“. Sie ersetzt aber nicht automatisch eine reguläre Richtlinientherapie, sondern kann ein Vorschritt sein, um danach geordnet in eine Kurz- oder Langzeittherapie überzugehen.
Müritzportal: Viele Menschen glauben: „Je größer mein Problem, desto länger muss die Therapie dauern.“ Stimmt diese Gleichung immer?
Nicolas Sander: Nein, diese Gleichung stimmt so nicht. Die Dauer hängt nicht nur vom „Schweregrad“ ab, sondern oft stärker davon, wie komplex die zugrunde liegenden Muster sind – also wie sehr sich bestimmte Denk-, Gefühls- und Verhaltensschleifen über Jahre verfestigt haben.
Gerade die Verhaltenstherapie ist häufig effizient und lösungsorientiert. Es gibt Situationen, in denen Menschen stark leiden, aber trotzdem in relativ kurzer Zeit große Fortschritte machen – weil das Problem klar umrissen ist und sich gezielt bearbeiten lässt. Umgekehrt kann ein Problem auf den ersten Blick „klein“ wirken, aber mit tieferen, länger bestehenden Strukturen verbunden sein. Deshalb ist es so wichtig, nicht in „kurz = leicht“ und „lang = schwer“ zu denken, sondern in Passung.
Müritzportal: Kommen wir zur Entscheidungshilfe. Für welche Art von Problemen oder Lebenssituationen ist eine Kurzzeittherapie in der Regel völlig ausreichend?
Nicolas Sander: Kurzzeittherapie kann sehr gut passen, wenn es um klar abgrenzbare Krisen oder ein konkretes Symptomfeld geht. Klassische Beispiele sind Lebensereignisse wie Trennung, Jobverlust, Umzug, Konflikte am Arbeitsplatz oder auch eine Phase, in der man plötzlich merkt: „So wie bisher komme ich nicht weiter.“
Auch bei bestimmten Störungsbildern kann Kurzzeittherapie oft ausreichen – etwa bei spezifischen Phobien, Anpassungsstörungen oder leichteren depressiven Episoden, die deutlich durch äußere Umstände angestoßen wurden. Dann kann man in 12 bis 24 Sitzungen bereits sehr wirksam an Stabilisierung, Strategien, neuen Routinen und einem besseren Umgang mit belastenden Gedanken arbeiten.
Wichtig ist: „Ausreichend“ bedeutet nicht „oberflächlich“. Kurzzeittherapie kann sehr tief gehen nur eben mit einem klaren Fokus und einer guten Struktur.
Müritzportal: Ihr Schwerpunkt ist die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Diese gilt oft als „schneller“ oder handlungsorientierter als beispielsweise die Psychoanalyse. Welchen Einfluss hat das Therapieverfahren auf die Dauer?
Nicolas Sander: Das Verfahren macht tatsächlich einen Unterschied – vor allem in der Arbeitsweise. Die Kognitive Verhaltenstherapie ist eine „Hilfe zur Selbsthilfe“: Wir arbeiten viel mit konkreten Übungen, mit dem Verstehen von biografischen und aktuellen Zusammenhängen und damit, neue Handlungsoptionen zu entwickeln. Bei der Biografischen Arbeit geht es aber häufig darum, durch entstandene Erkenntnisse im Hier und Jetzt wirksame Veränderungen anzustoßen und die Patientinnen und Patienten so auszustatten, dass sie langfristig eigenständig weiterarbeiten können.
Verfahren, die stärker auf eine sehr ausführliche biografische Analyse und Deutung setzen, sind oft anders strukturiert und können dadurch mehr Zeit benötigen. Das heißt nicht „besser oder schlechter“ – aber wenn jemand schnelle Entlastung und pragmatische Werkzeuge sucht, ist KVT häufig eine gute Passung.
Müritzportal: Ein wichtiger Aspekt bei Freiraum Psychotherapie ist Transparenz. Wie binden Sie den Patienten in die Entscheidung „Kurz oder Lang“ ein? Passiert das in der allerersten Sitzung?
Nicolas Sander: Der Kern dafür sind die probatorischen Sitzungen also die Kennenlern- und Diagnostikphase. In dieser Zeit klären wir gemeinsam: Was ist das Anliegen? Wie ist die aktuelle Belastung? Welche Ziele wären realistisch – und welche Schritte wären dafür nötig?
Ich arbeite gern mit einem gemeinsamen Therapieplan, der transparent macht, woran wir arbeiten und warum. Häufig ist es sinnvoll, zunächst mit einer Kurzzeittherapie zu starten und zu schauen, wie weit man in 12 - 24 Stunden kommt. Wenn man merkt, dass die Themen tiefer greifen oder dass mehr Zeit sinnvoll wäre, kann man strukturiert den nächsten Schritt gehen.
Entscheidend ist, dass die Patientinnen und Patienten nicht das Gefühl haben, „in etwas hineingeschoben“ zu werden, sondern die Entscheidung mittragen und verstehen.
Müritzportal: Zum Abschluss eine Frage zur Ermutigung: Was sagen Sie jemandem, der zögert, weil er Angst hat, „jahrelang auf der Couch liegen zu müssen“?
Nicolas Sander: Ich würde zuerst sagen: Dieses Bild ist verständlich – aber es ist oft nicht die Realität moderner Psychotherapie. Therapie ist heute in vielen Verfahren sehr aktiv, strukturiert und alltagsnah. Und ganz wichtig: Man ist nicht „ausgeliefert“. Therapie ist freiwillig – man kann jederzeit innehalten, Kurs korrigieren oder auch beenden.
Viele Menschen sind überrascht, wie entlastend schon die ersten Sitzungen sein können: Endlich ordnen, verstehen, einen Plan entwickeln – und merken, dass Veränderung möglich ist. Deshalb ist mein Rat meist: Wagen Sie zumindest das Erstgespräch. Es ist kein lebenslanger Vertrag, sondern ein erster Schritt zu mehr Klarheit.
Müritzportal: Vielen Dank für das Gespräch und die offenen Einblicke!