„Ohne Sicherheit keine Höhe" – Interview mit Industriekletterer Oliver Badziura über PSAgA im Alltag
Ob Windkraft, Industriehalle oder historisches Dach: Immer wieder wird in großer Höhe gearbeitet auf Silos, Türmen, Kirchen, Brücken oder Bäumen. Was viele unterschätzen: Wer dort arbeitet, braucht nicht nur Mut, sondern vor allem eine geprüfte Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) und regelmäßige Schulungen. Wir haben mit Oliver Badziura gesprochen, Industriekletterer und Inhaber von Klettermontage aus Straubing.
Müritzportal: Herr Badziura, warum ist PSAgA für Betriebe so ein sensibles Thema?
Oliver Badziura: Weil Abstürze aus der Höhe laut Berufsgenossenschaften zu den häufigen Ursachen schwerer und tödlicher Arbeitsunfälle zählen. Sobald ein Mitarbeiter regelmäßig in größerer Höhe arbeitet und andere Sicherungsmaßnahmen wie Gerüste oder Geländer nicht sinnvoll sind, muss der Arbeitgeber geeignete Schutzmaßnahmen bereitstellen dazu gehört gegebenenfalls PSAgA und die Beschäftigten in deren Anwendung unterweisen. Neben geprüfter Ausrüstung braucht es dabei vor allem effektives Training für sicheres Arbeiten in der Höhe, denn nur wer geübt ist, kann im Ernstfall richtig reagieren. Die einschlägigen Anforderungen ergeben sich unter anderem aus dem staatlichen Arbeitsschutzrecht (z. B. Betriebssicherheitsverordnung) sowie aus DGUV-Regelwerken zum Einsatz von PSAgA. Viele Betriebe kaufen zwar Gurte und Seile ein, vergessen aber die regelmäßige Prüfung durch eine befähigte bzw. sachkundige Person und die dokumentierte Unterweisung. Genau da beginnt das Haftungsrisiko.
Müritzportal: Was gehört überhaupt zu einer vollständigen PSAgA?
Oliver Badziura: Im Kern sind das ein Auffanggurt, ein Verbindungsmittel mit Falldämpfer oder ein mitlaufendes Auffanggerät am Seil, ein passender Anschlagpunkt und – je nach Einsatz – ein Rettungsset. Entscheidend ist, dass die Komponenten zueinander passen und für den konkreten Arbeitsplatz geeignet sind. Ein Auffanggurt allein rettet niemanden. Wer in Höhen arbeitet, braucht darüber hinaus regelmäßige Übung, damit die Ausrüstung im Ernstfall auch richtig eingesetzt wird. Ausrüstung ohne Übung ist eine trügerische Sicherheit.
Müritzportal: Wie oft muss PSAgA geprüft werden?
Oliver Badziura: Die Regel ist klar: mindestens einmal jährlich durch eine sachkundige bzw. befähigte Person, dazu vor jeder Benutzung eine Sicht- und Funktionsprüfung durch den Anwender selbst. Nach einem Sturzereignis wird die betroffene Ausrüstung sofort aus dem Verkehr gezogen. Wir prüfen bei unseren Kunden komplette Bestände, dokumentieren alles mit Prüfprotokoll, vergeben Plaketten und sperren beschädigte Teile. Diese Dokumentation ist im Ernstfall gegenüber Berufsgenossenschaft und Aufsichtsbehörden Gold wert.
Müritzportal: Welche Fehler sehen Sie in der Praxis am häufigsten?
Oliver Badziura: Drei Klassiker: erstens Gurte, die falsch angelegt sind – zu locker, verdreht oder mit vergessener Beinschlaufe. Zweitens ungeeignete Anschlagpunkte, etwa Heizungsrohre oder Dachrinnen, die den geforderten Belastungen nicht standhalten. Und drittens die fehlende Rettungskette. Wer jemanden auffängt, hat nur begrenzt Zeit, bis das sogenannte Hängetrauma lebensgefährlich wird. Ohne geübtes Rettungsverfahren nützt der beste Gurt wenig.
Müritzportal: Sie bieten Schulungen an. Wie läuft so ein Kurs ab?
Oliver Badziura: Wir unterscheiden Grundkurse für Neueinsteiger und regelmäßige Auffrischungen entsprechend den Vorgaben von BG und DGUV. Inhalte sind rechtliche Grundlagen, Materialkunde, Anschlagpunktbeurteilung, Anlegen und Prüfen der PSAgA sowie Rettungsübungen aus realistischen Positionen. Wir schulen bei uns vor Ort in Straubing, aber genauso bei Ihnen auf Ihrer Anlage das hat den Vorteil, dass Ihre Teilnehmer an ihren echten Arbeitsplätzen üben.
Müritzportal: Wann lohnt sich statt eigener Schulung der Einsatz externer Industriekletterer?
Oliver Badziura: Immer dann, wenn ein Auftrag zu selten vorkommt, um eigenes Personal dafür dauerhaft vorzuhalten. Fassadenreparaturen, Reinigungen an Glasdächern, Kontrollen an schwer zugänglichen Anlagen, Baumpflege an schwer erreichbaren Stellen all das lässt sich mit seilunterstützten Zugangstechniken oft schneller und wirtschaftlicher erledigen als mit Hebebühne oder Kran. Sie sparen in vielen Fällen Rüstzeit, Sperrflächen und Genehmigungen.
Müritzportal: Ihr wichtigster Rat an Betriebe in der Region?
Oliver Badziura: Nehmen Sie das Thema Absturzsicherung nicht als lästige Pflicht wahr, sondern als Teil der Betriebsorganisation. Erstellen Sie eine Gefährdungsbeurteilung für jeden Arbeitsplatz in der Höhe, halten Sie Prüftermine ein und lassen Sie Ihre Mitarbeiter regelmäßig üben. Ein sauber geführter Ordner mit Prüfprotokollen und Unterweisungsnachweisen ist im Zweifel wichtiger als jedes zusätzliche Stück Ausrüstung. Sicherheit in der Höhe entsteht am Boden durch Vorbereitung, Wartung und Training.
Müritzportal: Herr Badziura, vielen Dank für das Gespräch.