Sportstadt Neubrandenburg: Wo bleiben die Medaillen?
Die Sportstadt Neubrandenburg kann sich mit 124 Titeln bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften schmücken. Doch der letzte große Erfolg liegt lange zurück. Woran liegt das?
Talente ausbilden und entwickeln, das klappt in Neubrandenburg, Topleute auch nach der Schule zu halten, dagegen selten. Die meisten Neubrandenburger Erfolge wurden vor 1989, vor der politischen Wende errungen. Auch die Siege in den 1990er-Jahren hängen noch direkt mit dem DDR-Sportsystem zusammen, die Medaillengewinnerinnen und -gewinner wurden größtenteils noch vor der Wende gesichtet und ausgebildet
Gute Rahmenbedingungen für den Spitzensport
Eine Sportschule mit gutem Ruf, professionelle Sportstätten und prominente Trainer - die Bedingungen für den Leistungssport sind am Tollensesee nach wie vor gut. Trotzdem wartet der Sportclub Neubrandenburg schon viele Jahre auf eine Olympiamedaille. "Da kommen viele gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zusammen. Ein wichtiger Unterschied ist, dass die Kinder heutzutage motorisch viel schlechter ausgebildet sind, wenn sie an die Sportschule kommen", sagt Astrid Kumbernuss. Die Kugelstoß-Olympiasiegerin von 1996 arbeitet beim SC Neubrandenburg im Management. Ohnehin gibt es weniger Nachwuchs in den Trainingsgruppen.
"Mangelnde Leistungsbereitschaft"
Dazu kommt: Viele Kinder beschäftigen sich lieber mit dem Handy, sozialen Medien und Computerspielen als mit Sport. Trainerinnen und Trainer beklagen fehlende Zielstrebigkeit und zu wenig Bereitschaft, sich anzustrengen. Die dreimalige Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch trainiert Talente beim SCN. Sie beklagt ein weiteres Problem – die fehlende Zielstrebigkeit und Bereitschaft, sich anzustrengen beim Nachwuchs. Häufig heiße es: "Frau Dietzsch, ich kann in den Ferien nicht trainieren, ich fahre in den Urlaub. Oder: Ich kann nicht zum Training kommen, meine Oma wird 70 und da muss ich hin."
Fehlende Perspektiven in Neubrandenburg
Das Sportgymnasium Neubrandenburg hat einen guten Ruf und ist beliebt wegen seiner kurzen Wege zwischen Unterricht, Training und Internat. Probleme bekommen die Sportler, wenn sie ihr Abitur geschafft haben. "Die meisten wollen studieren, aber an der Hochschule Neubrandenburg gibt es kaum Studiengänge, die unsere Sportlerinnen und Sportler interessieren", sagt Thomas Peucker. Er trainiert Michal Fatyga, den amtierenden deutschen U20-Meister über 400 Meter. Peucker hat schon mehrfach erlebt, dass seine Athleten Neubrandenburg wegen der fehlenden beruflichen Perspektiven verlassen haben. "Das kann man niemandem übelnehmen. Eine Karriere im Sport ist auch immer mit Risiko verbunden. Da muss jeder entscheiden, ob dieser Weg der richtige ist, oder doch lieber die sichere Ausbildung."
Stabile Finanzierung des Leistungssports in MV
Das Land Mecklenburg-Vorpommern stellt für den Leistungssport 5,3 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung. Über den Landessportbund werden damit vor allem die Trainer und die Sportschulen unterstützt. Neubrandenburg fördert den Sport mit 4,2 Millionen Euro. So müssen Vereine und der Olympiastützpunkt nur geringe Mieten für Hallen und Sportplätze zahlen. Für die Spitzensportler bleibt für den Lebensunterhalt oft nur der Weg in die Sportfördergruppen der Bundeswehr oder der Polizei. Diskuswerferin Claudine Vita: "Im Endeffekt finanziere ich mir den Sport hauptsächlich durch meinen Arbeitgeber, die Bundeswehr." Hinzu kommen Mittel vom Verein, die von privaten Unterstützern kommen, und von individuellen Sponsoren sowie von der Deutschen Sporthilfe. Auch das Land zahlt gelegentlich leistungsabhängige Zuschüsse.
Breitensport als sichere Basis
Vom Spitzensport-Standort zur Nachwuchsschmiede – das sieht auch Astrid Kumbernuss so. "Wenn wir hier wirklich mal wieder ein Supertalent haben, dann bin ich mir sicher, dass wir auch Sponsoren und Förderer finden werden, die sagen: Die oder der ist es mir wert." Die Hoffnung ist da in Neubrandenburg. Der Breitensport als Basis für den Leistungssport steht. Mit 14.500 Mitgliedern in den 62 Sportvereinen der Stadt wurde inzwischen ein Höchstwert seit der Wende erreicht.